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Im Vollrausch in die Welle

Updated: 1 day ago


von Michael Backmund


Auf dem Oktoberfest und den bayerischen Herbstfesten fließt das Bier wieder in Strömen. Ein Déjà-vu? Nach dem Motto: Im Vollrausch in die Welle. Gedanken dazu bietet ein kurzer Rückblick aus aktuellem Anlass.


Am Anfang wurde die Pandemie in Bayern von der Politik wochenlang einfach ignoriert. Mit tödlichen Folgen wie wir heute wissen. Bis Mitte März 2020 herrschte Wahlkampf und die Starkbierfeste waren dem Landesvater heilig für seinen Erfolg. Auf die Ignoranz folgte eine medizinisch völlig unsinnige und bisweilen hilflos und absurd anmutende staatliche Machtdemonstration: Anstatt mit effektiven Konzepten die besonders gefährdeten Menschen zu schützen, kämpfte der Ministerpräsident mit Bußgeldern und Ausgangssperren gegen Spaziergänger*innen. Als starker Mann wollte sich Söder damals als Kandidat in Stellung bringen für die nächste Bundestagswahl 2021. Er scheiterte. Und macht derzeit wieder einmal eine Rolle rückwärts. Mit markigen Sprüchen kämpft der Landesvater aktuell für sexistische Bierzeltlieder, fordert militärische Haarschnitte für Konkurrenten und lässt für das bayerische Brauchtum alle sinnvollen Pandemie-Regeln außer Kraft setzen. Er befindet sich offensichtlich erneut im Wahlkampfmodus und strampelt an gegen eine drohende CSU-Wahlschlappe bei den nächsten Landtagswahlen 2023.

Zu den Fakten: Seit Wochen finden in Bayern die traditionellen Herbst- und Volksfeste statt. In jeder Stadt und in jedem Landkreis steigen damit die Infektionszahlen rasant an. Nach dem Oktoberfest könnte dieser Effekt aber auch internationale Auswirkungen haben. Ischgl liegt immer noch nah. Wer nach der Wiesn die (eventuell auch tödlichen) Folgen zu tragen hat, wird man bestenfalls in einigen Monaten wissen. Es werden vermutlich wieder die besonders gefährdeten Menschen sein in Krankenhäusern oder Senioren- und Pflegeheimen. Zeit, sich zu erinnern bei allen Unterschieden. Dazu veröffentlichen wir auch das Kapitel Starkbierfeste oder der natürliche Feind des Coronavirus aus dem letzten Buch von Konstantin Wecker Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten.

Starkbierfeste oder „der natürliche Feind des Coronavirus“

„Der kollektive Rausch auf Starkbierfesten ist in der katholischen Tradition tief verankert. Ohne Pause wird nach den Faschingsfesten in Bayern einfach weiter getrunken. Als „Starkbier“ gilt jedes Bier, dass mit einer Stammwürze von mindestens 16 Prozent gebraut wurde. Getrunken wird es in möglichst überfüllten Festzelten ohne Abstand, tanzend, singend zur Blasmusik und meist bis zur engumschlungenen Besinnungslosigkeit. Ein idealer Ort für Viren, und das auch schon in Zeiten ohne Pandemie. Nicht umsonst steigt in Bayern nach der Starkbierzeit und nach dem Oktoberfest jedes Jahr das Husten und Schnupfen rasant an. Aber selbst in Zeiten der Pandemie wurden die bayerischen Starkbierfeste Anfang März 2020 nicht abgesagt, sie fanden sogar unter reger Beteiligung hochrangiger Vertreter der Staatsregierung statt. Zum Beispiel am 7. März 2020 in Ismaning, einer reichen Vorortgemeinde Münchens, mit dem Bayerischen Wirtschaftsminister: „Hubert Aiwanger, stellvertretender Ministerpräsident und Vorsitzender der Freien Wähler in Bayern, ist hocherfreut, dass trotz aller Hysterie und Panik mehr als 400 Besucher den Weg zum Starkbierfest gefunden haben“, berichtete die Süddeutsche Zeitung am Tag darauf. Als Promi-Gast zog Aiwanger händeschüttelnd ins und durchs Festzelt. Von der Bühne dankte er den Organisatoren: „Gut, dass Sie das Fest nicht abgesagt haben“, und lobte ihren Mut, wie Lokaljournalisten berichteten, um zu verkünden: Starkbierfeste seien „der natürliche Feind des Coronavirus. Das starke Bier floss in Strömen in diesen Wochen. Aus Tradition? Aus viraler Besinnungslosigkeit?

Auch der Wahlkampf lief einfach weiter auf Hochtouren. Weder wurde die Durchführung der bayerischen Kommunalwahlen am 15. März 2020 verschoben, noch wurden zumindest sinnvolle Hygienekonzepte erarbeitet und umgesetzt. Stattdessen hatten die Verantwortlichen Wahllokale flächendeckend auch in Senioren- und Pflegeheimen untergebracht!

Für beide Fehlentscheidungen ist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder von der CSU verantwortlich. Diese beiden Großereignisse haben nachweislich in Bayern zu tausenden Infektionen geführt und damit von Beginn der Pandemie an für unkontrollierbare Infektionsketten sowie eine massive Ausbreitung des Corona-Virus gesorgt. Acht der zehn am stärksten betroffenen Landkreise in Deutschland befanden sich in den ersten Wochen der Pandemie im Freistaat Bayern.

Eine wissenschaftliche Studie des Münchner Helmholtz-Zentrums hat mittlerweile den folgenschweren Effekt der Starkbierfeste wissenschaftlich untersucht. Das Ergebnis der in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ publizierten Studie ist eindeutig: „Signifikant mehr Fälle“ seien sowohl durch die Starkbierfeste als auch durch die bayerische Kommunalwahl registriert worden, schreibt der Experte für Lungenerkrankungen Matthias Wjst. Die Studie geht von hochgerechnet rund 1200 unmittelbaren Covid-19-Ansteckungen durch die Feste aus: „In Landkreisen mit zwei oder mehr Bierfesten war der Effekt besonders groß.“ Viele Besucher infizierten sich demnach auf den Starkbierfesten und verbreiteten anschließend das Virus kräftig weiter. Die Kollateralschäden bayerischer Traditionspflege in Pandemiezeiten sind laut Studie mehrere Tausend Infizierte. Dazu seien noch rund 3700 Infektionen der bayerischen Kommunalwahl Mitte März geschuldet. Söder hätte also die Landratsämter bereits Anfang März anweisen müssen, die Starkbierfeste abzusagen.

Die Kultur der selbstgefälligen Selbstherrlichkeit und nationalistischen Ignoranz ist in Bayern leider auch noch im 21. Jahrhundert weit verbreitet. Das „mia san mir“ ist Staatsreligion und Starkbierfeste eine heilige Tradition. Südlich von München, hinter dem Brenner starben zu diesem Zeitpunkt bereits tausende Menschen an der Pandemie: „Wir können nicht mehr lange so weitermachen", schlugen verzweifelte ÄrztInnen und völlig überforderte Kliniken Alarm angesichts des rasanten Anstiegs der Zahl von Covid-19-Kranken in Italien. Erhört wurden die Hilferufe jenseits des Brenners nicht.

Diese beiden Fehlentscheidungen von Ministerpräsident Markus Söder haben maßgeblich zur diffusen Ausbreitung des Virus beigetragen und Bayern hält seitdem kontinuierlich einen Spitzenplatz unter den besonders von Covid-19 betroffenen Regionen. Masken- und ahnungslos oder doch höchst skrupellos badete Markus Söder noch bis kurz vor der Kommunalwahl Mitte März als Landesvater bei Wahlkampfauftritten in der Menge. Zusätzlich sorgten dann auch noch die rückkehrenden Wintertouristen aus den alpinen Ballermann-Skiorten wie dem österreichischen Ischgl für eine starke Ausbreitung des Virus.

Die verantwortlichen Politiker haben bereits in diesen ersten Wochen der Pandemie versagt. Zur Erinnerung: Im Januar gab es die ersten nachgewiesenen Covid-19-Ansteckungen Deutschlands in Bayern. Und eigentlich konnte seitdem niemand mehr davon ausgehen, dass dieser neue Virus in einer globalisierten Welt ausgerechnet um Europa einen Bogen machen würde. Ob die westlichen Regierungen nur ignorant, vollkommen kopf-, plan- und strategielos, eurochauvinistisch, schlecht beraten oder einfach nur skrupellos waren, werden irgendwann wissenschaftliche Analysen und HistorikerInnen zu beantworten haben.

Was jedoch heute schon klar geworden ist: Der Kampf um die Nachfolge Merkels und die Konkurrenz zwischen den CDU- und CSU-Alphamännern hat seit März 2020 eine tödliche Dynamik entwickelt. Statt demütig um sinnvolle Konzepte zur Bekämpfung der Pandemie zu ringen, kostete das populistische Buhlen um Medienresonanz und Macht ganz real sehr viele Menschenleben. Er sei von „Ehrgeiz zerfressen“, sein Machstreben „pathologisch“, sagte Horst Seehofer bereits 2012 über den Mann, der ihn wenige Jahre später selbst stürzen sollte. Die Konkurrenz der Kandidaten verhinderte in vielen Bereichen eine sinnvolle Bekämpfung der Pandemie und vertuschte bzw. verdeckte die Bereicherung von CSU- und CDU-Politikern oder ihrer Angehörigen an der Preisspekulation für Schutzausrüstung sowie die Korruption bei der Maskenbeschaffung.

Was wir perspektivisch brauchen sind Massenproteste gegen die populistische Machtpolitik à la Söder & Co. von einem möglichst breiten Bündnis sozialer und emanzipativer Bewegungen. Und wir brauchen als ersten Schritt eine echte und umfassende bundesweite Mietpreisbremse, um die schlimmsten sozialen Folgen der Pandemie abzufedern. Nur der Druck einer breiten außerparlamentarischen Solidarität könnte auch den aktuellen grünen Machtopportunismus stoppen. Dann könnte es auch in diesem Land endlich eine Mehrheit für eine soziale und ökologische Alternative zum neoliberalen Kapitalismus und der drohenden Gefahr von rechts geben. Doch dafür müsste es endlich wieder um Inhalte gehen. Denn eine schwarz-grüne Koalition wird das Klima weiter zerstören und die soziale Ungerechtigkeit in diesem Land und weltweit weiter verschärfen. Wer es nicht glaubt, braucht nur nach Baden-Württemberg blicken.“

aus dem Buch von Konstantin Wecker (Mitarbeit: Michael Backmund): Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten Ein Plädoyer für Kunst und Kultur Kösel-Verlag, München, 2021, 174 Seiten

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